Gedanken zur Nachhaltigkeit oder auch „Mein grüner Kompromiss“

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin gerade ziemlich desillusioniert. Und müde.
Ob es an der Pandemie liegt und daran, dass allgemein die Nerven blank liegen, oder an den sich jagenden Korruptionsskandalen – man möchte schon gar keine Nachrichten mehr lesen. Denn Positives ist selten dabei.

Insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit, der in der allgemeinen Aufmerksamkeit und Berichterstattung etwas nach hinten gerückt ist. Wo das Thema allerdings nach wie vor auf Platz 1 der Agenda rangiert, ist unternehmensseitig. Leider jedoch nicht im Bereich der Forschung und Entwicklung mit echtem Willen zur Änderung, sondern im Marketing.

Ein Kassenzettel ist KEIN Stimmzettel

Es geht (obacht, es könnte nun subjektiv werden) dabei aber weniger darum, wirkliche Veränderung voran zu treiben. Nein, es geht darum, wie man den Verbraucher:innen, die immer aufgeklärter werden, immer weiter Mist andreht, den sie nicht brauchen. Mit grünem Deckmäntelchen eben.
Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch Werbung immer grüner angestrichen wird. Und ich kann es nicht mehr sehen. Weil es verdammt nochmal nicht allein meine, nicht allein unsere Verantwortung ist, verantwortungsvolles Wirtschaften voran zu treiben. Weil ein Kassenzettel eben kein Stimmzettel ist und alles an dieser Aussage so unfassbar falsch.

Weil wirkliche Änderung nur DORT stattfinden kann, wo ebenjener Stimmzettel zählt: auf politischer Ebene. Dort, wo „freiwillige Selbstverpflichtung“ aufhört und die Menschenrechte beginnen, zu greifen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es in unserem Grundgesetz. Man könnte allerdings meinen, dort befände sich noch ein Sternchen dahinter und die Fußnote: *Arbeiter:innen im globalen Süden ausgeschlossen. Dort darf weiter untermenschenunwürdigen Umständen für ein paar Cent geschuftet werden.

Nachhaltigkeit darf nicht ausschließlich Verbraucher:innensache sein

Nachhaltigkeit lässt sich nicht ohne Globalisierung betrachten, nicht ohne Kolonialismus. Es spielt schlicht keine Rolle, ob wir ein Bienenwachstuch benutzen.
Ihr merkt es vielleicht: ich bin wütend. Wütend auf mich, weil ich in den letzten Jahren das Spiel der Verbraucherin, die vieles richtig und nach bestem Wissen und Gewissen machen möchte, mitgespielt habe, ja, sogar mein Umfeld auf vieles hingewiesen und mitunter sicherlich genervt habe. Weil auch ihr meine Entwicklung über die letzten Jahre in Teilen mit beobachten konntet. Weil ich viel Zeit und Herzblut hier in meine Inhalte investiere. In letzter Zeit weiß ich aber nicht mehr so genau, warum. Es bringt irgendwie nichts, „nur“ grüne Alternativen vorzustellen. Richtige Arbeit, die leisten Blogazines wie die Fashion Changers, Ekologiska Mag oder Tiny Green Footsteps. Ich hingegen fahre nur weiterhin auf dem grünen Konsum-Karussell mit. Vielleicht sollte ich mit diesem neu erworbenen Wissen einfach ehrlich sein, zu mir selber, zu euch: ich kauf halt gern. Und definitiv zu viel. Ich mag Innovationen, in den letzten Jahren eben verstärkt sogenannte „grüne“. Ich habe wie jeder Mensch nur begrenzte Kapazitäten und kann nicht hinter jeden Inhaltsstoff, jeden Verpackungsstoff, jede Marketingmasche und jeden Produktionsschritt schauen. Das wäre ein Vollzeitjob, und genau daher rührt auch meine Wut. Was ist das für ein System, in dem es zwar DIN-Normen für alles gibt, in dem aber die Regularien nur für uns Konsumierende das Beste wollen, nicht aber für die Herstellenden?!

Oft diskutiere ich mit meinem Mann darüber. Ihn konnte ich mit vielem anstecken. Er achtet beim Einkauf sehr auf Bio-Produkte und/oder Regionalität (und hier fängt die Frage schon wieder an: lieber bio, lieber regional, oder lieber unverpackt?), nutzt zunehmend Naturkosmetik und im Bekleidungsbereich ist er – manchmal zu meinem Leidwesen – einer der nachhaltigsten Personen überhaupt. Weggeworfen wird da nix! Egal, wie sehr die Prints auf den Bandshirts abbröckeln oder wie viele gesammelten Katzenkrallen- und Mottenlöcher ein Shirt hat.
Aber in letzter Zeit bin ich die, die nur müde lächelt, wenn er meine Konsumentscheidungen kritisiert, und sagt „Hey, ist eh egal.“.

Irgendwo hab ich mal gelesen „die Deutschen“ (was ich eh schon immer irgendwie eine blöde Zuordnung finde) sähen immer nur das große Ganze und verzweifeln dann, statt im Kleinen anzufangen. Ist es vielleicht das?

Marie Nasemann : „Fairknallt – mein grüner Kompromiss“

marie-nasemann-mein-gruener-kompromissDarüber, im Kleinen und Privaten anzufangen, erzählt auch Marie Nasemann. Die ehemalige Teilnehmerin von Germanys Next Topmodel wurde im Rahmen ihrer Arbeit als Model immer wieder mit Produktionsbedingungen & Co konfrontiert und sehnte sich nach einer Beschäftigung mit mehr Impact – und so wurde das nachhaltige Blogazine „fairknallt“ geboren. Über ihren Weg und ihre Erfahrung berichtet sie in ihrem sehr persönlichen Buch „Fairknallt – mein grüner Kompromiss“. Der Titel passt gut zu meinen aktuellen Gedanken!

Marie Nasemann ist heute die wichtigste Botschafterin für faire Mode in Deutschland. Über ihren Blog und Social Media schärft das Model das Bewusstsein einer ganzen Generation für grüne Themen. Nachhaltig leben, damit unsere Kinder und Enkel auch noch über diesen Planeten laufen können, das wünschen wir uns doch alle! Aber geht das so einfach? Marie Nasemann erzählt anhand vieler persönlicher Geschichten, wie sie versucht ihren eigenen grünen Kompromiss zu leben. Sie erzählt was gut gelingt, beim Versuch sich möglichst nachhaltig zu kleiden, zu ernähren und von A nach B zu bewegen und wo sie gescheitert ist. Heraus kommt eine unterhaltsame Anleitung für eine bessere Welt.

Marie erzählt sehr persönlich und nahbar darüber, wie sie auf das Thema Nachhaltigkeit gestoßen ist und was dazu geführt hat, dass sie sich vom Modeln für Fast Fashion-Konzerne nach und nach, inzwischen komplett, abgewandt hat. Sie geht darauf ein, wie unsere Kindheit und unser Umfeld bereits die ersten Weichen stellen. In den ersten Jahren kann uns viel mitgegeben werden – Gutes wie Schlechtes. Das kann Wertschätzung von Konsumgütern genauso sein, wie die Gewohnheit des täglichen Fleischkonsums. Diese erlernten Verhaltensweisen gilt es, als Erwachsene*r zu reflektieren.

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Was mir sehr gut gefällt, ist, dass Marie zwar ihren ganz persönlichen Weg quer durch Nachhaltigkeit im Kleinen (im Badezimmer, im Kleiderschrank und auf Reisen) übers Mittelgroße (den Job) schildert, dabei aber auch sehr klar sagt:

Wenn wir uns entschließen, unseren ökologischen Fußabdruck zu senken, hilft es, sich darüber im Klaren zu sein, dass wir dabei nur begrenzte Möglichkeiten haben. Dass wir immer nur so nachhaltig leben können, wie es unser Umfeld, das System, in dem wir leben, unsere Geschichte, unser Arbeitsplatz, unser Geldbeutel und so weiter hergeben. (S.23)

Sie ist etwas weniger wütend als ich, thematisiert aber Wut und Ohnmacht gegenüber den aktuellen Bedingungen ebenso. Genauso wie auch die unangenehmen Fragen danach, ob ein Modeblog überhaupt nachhaltig sein kann, weil er ja zum Konsum anregt. Fühl ich. Sie sagt: wenn sowieso gekauft wird, dann möglichst faire und nachhaltige Produkte, und dazu können Blogs und Influencer eben inspirieren. Aus dem Nähkästchen erzählt sie beispielsweise von einer Award-Verleihung mit vielen deutschen Größen aus dem Influencer*innenbusiness, bei dem sie versuchte, anzusprechen, dass mit großer Reichweite eben auch große Verantwortung einhergeht. Blinder Konsum, das ist etwas, das einfach nicht mehr glorifiziert werden darf!
Und apropos ökologischer Fußabdruck: den hat übrigens bp „erfunden“. Ich würde mal sagen, die beste Greenwashing-PR-Aktion ever! Keine Nachhaltigkeitsdiskussion, dass diese Begrifflichkeit nicht verwendet.

Für mich war das Buch eine sehr angehme Lektüre und ich habe mich sehr abgeholt und verstanden gefühlt. Meine eigenen Gedanken haben sich in den klar strukturierten Kapiteln gespiegelt, meine Wut wurde hier schnörkellos umschrieben. Die Bambuszahnbürste im Badezimmer ist schön und gut, aber das wird’s eben nicht reißen. Eine Leseempfehlung für alle, die gerade nicht das zehnte, fraglos wichtige, aber niederschmetternde Sachbuch zum Thema Nachhaltigkeit lesen möchten, sondern einfach eine unbekannte Bekannte brauchen, die sie versteht 🙂

Dieses Buch dreht sich sehr um das eigene, persönliche Handeln, aber ein großer Teil der Verantwortung, wenn es um die Rettung unserer Planeten geht, liegt bei den Unternehmen und der Politik. Wenn ich früher nach der Verantwortung gefragt wurde, sprach ich von einer 33%-33%-33% Aufteilung. Ein Drittel der Verantwortung liegt bei der Politik, die richtigen Gesetze, Verbote und Anreize zu schaffen. Ein Drittel gilt den Unternehmen, die Verantwortung für ihree gesamte Lieferkette übernehmen müs en, und das letzte Drittel betrifft die Konsument*innen, die den Markt mitgestalten, indem sie sich informieren und die richtigen Kaufentscheidungen treffen.
Doch je mehr Diskussionen ich zum Thema Fairness in der Modebranche miterlebte und je weniger sich auf politischer und unternehmerischer Ebene tat, während immer weiter Greenwashing betrieben wurde, für desto kleiner hielt ich den Anteil der Verantwortung, der bei uns Konsument*innen liegt. (S.200)

1 Comment

  1. Tobias 8. Juli 2021 at 17:17

    Liebe Kati,
    Ich finde, dass Du Deine Gedanken sehr treffend und nachvollziehbar in Worte gefasst hast – und mir geht es da mittlerweile ganz ähnlich wie Dir. Vor ein paar Jahren hatte ich oft so ein richtig „schlechtes Öko-Gewissen“ (Begriff stammt nicht von mir), wenn ich doch mal nicht-bio oder Fast Fashion gekauft hatte. Und ich war zunehmend frustrierter, weil ich den Eindruck hatte, dass ich es eh nie ganz richtig machen kann oder nur unter Einsatz hoher finanzieller, zeitlicher und mentaler Ressourcen; dass „alle anderen“ auch viel mehr machen sollten. Mittlerweile bin ich wieder ganz nachsichtig mit meinen Mitmenschen, weil ich weiß: das wird nicht die gewünschte Veränderung bringen. Sondern, so wie Du schon schreibst, die Gesetze und Vorgaben der Politik. Wie die „Selbstverpflichtung“ vieler Unternehmen aussieht, wissen wir ja mittlerweile… Und ja, grüne Firmen sind total wichtig, weil sie gute Alternativen im Konsum aufzeigen. Aber die sind eben nicht für alle nutzbar. Und der Impact ist eben zu klein und die Zeit zu knapp.
    Es freut mich, dass immer mehr grüne Blogger*innen und Influencer*innen den Ton wechseln und ein wenig weg kommen von „Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Alltag“ – die kennen wir jetzt zu Genüge. Wir müssen wirklich aufhören, uns immer gegenseitig zu ermahnen und zu verbessern und mehr gemeinsam in eine Richtung schauen, die da lautet Politik. Ich bin sehr gespannt, aber auch ein bisschen ängstlich, wenn ich an die bevorstehende Bundestagswahl denke…

    Danke auch für die Buchvorstellung, das merke ich mir mal. 🙂

    Herzliche Grüße
    Tobias

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