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Das Bloggen ist politisch geworden. Was früher Blogs und später Instagram-Kanäle waren, die sich mit Naturkosmetik & Co beschäftigt haben, sind heute Multiplikator*innen, die sich einsetzen: für die Klimapolitik. Gegen Ausländer-Hass. Für Feminismus und gendergerechte Sprache. Eine schöne Entwicklung, zumindest in der grünen Bubble, denn alles, was wir tun, ist politisch. Alles, was wir zeigen, und seien es auch nur 1000 Follower, die wir erreichen, hat einen Einfluss. Dessen werden sich mehr und mehr Medienschaffende in jedweder Form bewusst und nutzen ihre Plattformen, um aufmerksam zu machen auf die Themen, die ihnen neben dem neuen Lippenstift doch eigentlich viel dringlicher auf der Seele brennen. Oft sind sie schwerer greifbar, weil man sie nicht so leicht durch hübsche Bildchen vermarkten kann und doch wieder mehr Text zur Verdeutlichung braucht. Zurück zum Inhalt, weg vom Plakativen. So hat es auch das Buch, dass ich euch heute vorstellen will, in meinen Instagram-Feed und letztendlich auf meinen Lesestapel gespült: das Debüt „Untenrum frei“ von taz-Autorin Margarete Stokowski.

Sex. Macht. Spaß. Und Probleme.

Margarete Stokowski erzählt 230 Seiten lang über ihr Aufwachsen und Leben in einer scheinbar so aufgeschlossenen Gesellschaft, deren Offenheit doch mit den Jahr(zehnte)n immer nur zunimmt. Sie schildert ihre persönlichen Erfahrung mit Männern, Sex und Gleichberechtigung, offen, ohne ordinär zu werden.

Man wird aus diesem Buch auch nicht erfahren, ob ich mich beim Sex lieber im Bett oder auf dem Küchentisch befinde, aber man wird erfahren, dass ich weder das eine noch das andere für emanzipiert oder langweilig halte, sondern denke, dass die Qualität des Liebemachens auch davon abhängt, wer den Küchentisch am nächsten Morgen decken wird und wer die Bettwäsche wechselt.

Den meisten, die in ähnlichen kulturellen Verhältnissen aufgewachsen sind, dürften ihre Erfahrungen mit Rollenbildern und patriarchalischen Machtstruken bekannt vorkommen: oft können wir Einschränkungen gar nicht mehr deutlich als solche erkennen, weil wir eben so sozialisiert wurden. Stokowki betont auch, dass es eine „neutrale Betrachtungsweise“ aufgrund von persönlicher Vorprägung gar nicht geben kann. Deswegen wird sicherlich jede*r aus diesem Buch etwas anderes für sich ziehen können.

Sich-schön-Machen ist Ressourcenmanagement

Thematisch besonders passend zu diesem Blog ist wohl die folgende Passage:

Denn unsere Körper so hinzubekommen, wie wir uns das wünschen, ist Arbeit, wenn auch nicht direkt bezahlte. […] Wer einmal in der Drogerie Mädchen dabei beobachtet, wie sie sich in das Business des Sich-schön-Machens hineinfuchsen, versteht, wie viel Ressourcenmanagement dahintersteckt […]

Ressourcenmanagement, das meint endlos viel Zeit, Mühe, Geld, in einer durchkapitalisierten Gesellschaft. Beugt man sich dem Druck von außen und der Werbeindustrie komplett, verbringt man als Frau sicherlich mehr als einen Tag in der Woche komplett mit Schönheitspflege. Das kann beim Sport beginnen, führt zum Waxing, ins Sonnenstudio, zum Frisör, in manchen Fällen sogar zum Chirurgen. Aber auch bei weniger perfektionistischen Ansprüchen an sich selbst ist der Zeit- und Geldfaktor ein hoher: Nägel machen – oben und unten – Augenbrauen zupfen, Rasieren – oben und unten – cremen, schminken, beduften. Und das ist „nur“ der Körper. Es folgt: das Stylen. Kleidung, Schuhe, Accessoires. Es ist irre, versucht(!) man es neutral zu betrachten. Wobei ich zunehmend den Eindruck habe, dass der Zwang zum perfekten Äußeren inzwischen immer geschlechterunabhängiger wird und alle ihn verspüren. Der Zwang kann so schlimm werden, dass er auch ins Gegenteil umschlägt: die Selbstverleztung. Feminismus ist ohnehin ein Thema, das jeden Menschen völlig unabhängig vom Geschlecht betrifft, wenn auch zum Teil mit völlig gegensätzlicher Ausprägung.

Selbstmitleidige Wesen, die das eigene Blut romantisieren, sich aber nicht trauen, sich umzubringen, und Aufmerksamkeit erzwingen wollen, indem sie das vermeintlich Wertvollste zerstören, was sie haben – ihren jungen, weiblichen Körper.

Es ritzen sich auch viele junge Männer, das ist fraglos, dennoch gelten Narben bei Männern viel eher als attraktiv und abenteuerlustig, die Frau dagegen hat unversehrt zu sein.
Unversehrt meint nicht nur die Haut, sondern auch Psyche und Jungfräulichkeit, denn in allerletzter Instanz laufen all die Themen, die die Journalisitin in ihren 7 Kapiteln anspricht auf eines hinaus: Sex. Obwohl wir heutzutage „oversexed and underfucked“ sind, sehen wir die Zusammenhänge im Alltag oft nicht. Und genau hier kann dieses Buch helfen.

Wir können nicht untenrum frei sein, wenn wir es obenrum nicht sind, und umgekehrt. Das „Untenrum“ ist der Sex und das „Obenrum“ unser Verstädnis von uns selbst und den anderen – und beides gehört zusammen[…]

Meine Leseempfehlung für absolut jeden. Das Buch könnt ihr derzeit als Prämie zu einem Test-Abo der taz erhalten: für 15€ erhaltet ihr fünf Wochen lang die taz Tageszeitung inklusive einer Ausgabe der deutschsprachigen LE MONDE diplomatique plus der Prämie „Untenrum frei”. Das Probeabo endet automatisch und muss nicht gekündigt werden – völlig unverbindlich und fair also. Die taz bietet gleichberechtigen Journalismus – im Redaktionsbetrieb ebenso wie inhaltlich.

untenrum frei

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