Lisa Eldrige Face Paint Buch die Geschichte des Make Ups Rezension Kritik
Woher kommt es eigentlich, dass viele von uns sich so gerne schminken? Ist es unsere Sozialisierung, reiner Körperschmuck oder Ausdruck unserer Persönlichkeit? Kosmetik-Ikone Lisa Eldrigde gehört zu den erfahrensten und begehrtesten Make-Up-Artists der Welt und ist diesen Fragen auf den Grund gegangen. Herausgekommen ist ein wunderbares Coffee Table-Book, dass neben artsy Make Up-Fotografien auch das Herz eines jeden Flohmarktliebhabers und Vintage-Sammlers höher schlagen lässt. Zahlreiche Abbildungen früherer Kosmetik-Behältnisse und Reklame-Abdrucke vervollständigen das Bild.
„Face Paint – The Story of Make Up“ bietet auf fast 250 Seiten einen umfangreichen und unheimlich informativen Einblick in die Geschichte der Kosmetik(-Industrie) und hat mich gefesselt wie schon lange kein Sachbuch mehr! Bei der Lektüre wird schnell klar: Make Up ist vieles, aber sicherlich nicht oberflächlich. Ganz im Gegenteil: es war und ist eng verknüpft mit der Rolle der Frau im geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext.

Lisa Eldrige Face Paint Buch die Geschichte des Make Ups Rezension Kritik

Die historische Kosmetikpalette: rot, weiß, schwarz

Keine Make-Up-Farbe ist älter als rot. Seit Jahrtausenden wird es zum Bemalen von Lippen und Wangen verwendet. Seine Bedeutung hat die Zeit überdauert.

Das Schminken zieht sich seit jeher durch alle Zeiten und Kulturen. Die drei großen Farben der historischen Palette sind Rot, gewonnen aus Rotocker, getrockneten Insekten oder giftigen Mineralien wie Zinnober, Weiß, wie das traditionelle Makeup der asiatischen Geishas und der vornehmen Teint der französischen Adeligen, und Schwarz, wie der ägyptische Lidstrich oder aufgemalte Schönheitsflecke.

Make Up und die Rolle der Frau: eng verknüpft

Es ist kein Zufall, dass viele der stilprägenden Frauen, deren Make Up bis heute bewundert und nachgeeifert wird, ebenfalls welche waren, die über eine gewisse Macht verfügten.  Nofretete ist mit Abstand die bekannteste der porträtierten Persönlichkeiten. Doch auch über Marie Antionette und Elisabeth I. bis hin zu Josephine Baker und Marilyn Monroe weiß Eldrigde Spannendes zu erzählen. Eingebettet in den historischen Kontext stellt die Autorin Zusammenhänge zwischen Make-up und der Rolle der Frau her und zeigt eindrucksvoll, wie viel Freiheit es für Frauen bedeutet, sich so schminken, kleiden und präsentieren zu dürfen, wie sie möchten. Die Geschichte des Make Ups lässt sich nicht erzählen, ohne auf die Geschichte der Frau einzugehen. Selten wurde so deutlich, wieviel es aussagt über die gesellschaftliche Stellung und den Grad an Selbstbestimmung.

Blei auf der Haut: historische Inhaltsstoffe

Die Autorin geht ebenfalls ausführlich auf die Gewinnung der unterschiedlichen Farben und die Herstellung von Pasten, Pulvern und Fettstiften ein. Jede Epoche und jede Kultur hatte ihre Herangehensweise. Manche vor Jahrhunderten hergestellten Khol-Kajalstifte würden sogar eine heutige Naturkosmetik-Zertifizierung bekommen, andere waren hochgiftig und krebserregend, sogar radioaktiv.

Links seht ihr eine Geisha, die um 1603 herum „Beni“, rote Lippenfarbe, aufträgt. Sie wird aus getrockneter Färberdistel gewonnen und bei Berührung mit Wasser färbt sie sich karmesinrot. Bis heute wird die Farbe im traditionellen asiatischen Raum ähnlich aufgetragen.

Seife & Pigment: die erste Mascara

Wir machen einen sehr, sehr großen Zeitsprung über 300 Jahre und landen auf der rechten Seite im Jahr 1917 bei der sogenannten „Spucktusche“. Kerzenruß, Kohlenstaub, Asche oder Holunderbeerensaft zählten zu den Hausmitteln, die im Laufe der Geschichte zum Schwärzen der Wimpern verwendet wurden. Die erste industriell hergestellte Wimperntusche geht auf die auch heutzutage noch bekannte englische Kosmetikfirma Rimmel zurück. 1869 kam „Superfin“ auf dem Markt: eine abgepackte, ungiftige Mischung aus Kohlenstaub und Vaseline. Ein Verkaufsschlager, der Anlass zum Weiterforschen bot und knapp 50 Jahre später zu den gezeigten Blöcken führte, die mit einem Bürstchen und etwas Spucke aufgetragen wurden. Es handelt sich hierbei um eine gepresste Mischung aus Seife und Pigment, die ursprünglich zum Färben von Bärten eingesetzt wurde.

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Das Geschäft mit der Schönheit

Der zweite Teil von „Face Paint“ widmet sich der Kosmetikindustrie: Entstehung, Verbreitung, Gegenwart. Von Tellerwäscher zum Millionär, vom Immigranten zum Inhaber eines Firmenimperiums. Fast genauso spannend wie die sehr frühe Kosmetikgeschichte gestaltet sich auch die Kommerzialisierung von Kosmetik.

Allen voran die Filmindustrie trieb die Kosmetikhersteller an. Vom extrem halt- und sichtbaren zum alltagstauglichen Makeup für jedermann sollte es aber noch ein wenig dauern. Neben dieser hollywoodgetriebenen Strömung gab es aber noch eine weitere: vom Hausmittel zum internationalen Label, von der heimischen Rührküche in die großen Kaufhäuser. Max Factor, Helena Rubinstein und Estée Lauder sind nur drei Namen, die in diesem Zusammenhang fallen, und auf die ich beispielsweise schon in der Vorstellung von „Die Farben der Schönheit“ ein bisschen eingegangen bin. Besonders interessant sind auch die zahlreichen Abdrucke von Retro-Werbeanzeigen – seinerzeit war es eine echte Innovation, Nagellack passend zum Lippenstift herauszubringen!
Beeindruckend ist Lisa Eldrigdes umfangreiche Sammlung an Vintage-Kosmetikverpackungen: traumschöne Puderdöschen reihen sich an edle, winzig kleine Lippenstift-Schatullen. Plastik wurde anfangs nicht genutzt, stattdessen war in Mode, was ich mir heute wieder wünsche: hochwertige Verpackungen aus Metall mit Refill-Funktion.

Mit einem Ausblick in die vielversprechende Zukunft des Make Ups schließt das Buch. Die Kosmetik-Indstrie boomt nach wie vor und investiert riesige Summen in Forschung und Entwicklung. Alles in allem ein unheimlich lesenswertes Buch, das jedem Kosmetik-Fan einen großen Spaß bereiten dürfte und den Horizont erweitert. Schließen möchte ich jedoch mit einem Kritikpunkt.

Unerwähnt: die dreckigen Seiten der Kosmetik-Industrie

Silikone, Polymere und weitere Kunststoffe auf unserer Haut kann ich unter dem Gesichtspunkt derer, deren Profession Beauty ist,  gut nachvollziehen. Auf dem roten Teppich sollte das Make Up zuverlässig sitzen. Hierfür sind die neuen Rezepturen natürlich ein wahrer Segen! Auch gesundheitlich ist das allermeiste – ich bin hier bewusst vorsichtig mit Pauschalurteilen! – deutlich gesünder als früher.

Was im Buch allerdings nicht zur Sprache kommt, sind die unangenehm Seiten der Kosmetikindustrie für Tier und Umwelt. Weder auf das Thema tierischer Farbstoffe noch auf Tierversuche wird eingangen. Die Bedeutung der High-Performer-Inhaltsstoffe wie Silikon im Bezug auf die Umwelt findet keine Erwähnung.

Die Frage, die sich mir nach der Lektüre und von meinem persönlichen Standpunkt her stellt, ist folgende:
MUSS denn jede*r von uns „Normalos“ High-Performance-Kosmetik regelmäßig nutzen? Es ist eine unheimliche Leistung, gesamtgesellschaftlich betrachtet, was Kosmetik geschafft hat. Sie steht nun für alle offen, ist durch ihre Vielfalt für jeden erschwinglich, und in den letzten Jahren lässt sich – vorrangig im Bereich der höherpreisigen Early Adopter-Brands – auch eine immer breiter werdende Farbpalette bei den Hauttönen entdecken.

So spannend ich die historischen Marketing- und Werbeansätze finde, so sehr stoßen mir die aktuellen auf. Künstliche Verknappung, krude Strategien des Höher-Besser-Schöner. Meiner Meinung nach haben wir den Zenith der optimierten Schönheit bereits überschritten. Schönheits-OPs ohne vorhergehenden Leidensdruck, Leidensdruck durch Vergleich mit Insta-Filtern, Make Up im Gegenwert eines Kleinwagens – das sollte es nicht sein, wofür so viele Frauen gekämpft, so viele Pioniere ihr Herzblut gegeben haben. Nach dem Zenith folgt vielleicht die langsame Rückbesinnung auf das, was gut war: die natürlichen Schminktricks mancher Naturvölker, der bewusste und maßvolle Umgang mit gekaufter Kosmetik. Was meint ihr?

Vintage-Puderdöschen aus vergangenen Tagen - im Buch und darauf
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Face Paint - The History Of Make-Up von Lisa Eldrige ++ Beautyreads ++

3 Comments

  1. Pingback: Beauty Reads: »Die Farben der Schönheit« von Corina Boman » 50percentgreen - Naturkosmetik & Nachhaltigkeit

  2. Nancy 24. April 2020 at 14:33

    Was mir leider im Buch fehlt, ist die Betrachtung von Mikroplastik in Kosmetik und dass sich einige Männer heutzutage auch schminken.
    Liebe Grüße 🙂

    Reply
    1. Kati 28. April 2020 at 9:40

      Hi Nancy, genau, das sehe ich ganz genauso. Gut, es erschien 2015 und seitdem hat sich einiges getan, gerade im Bezug auf die beiden Punkte, die du nennst. Vielleicht findet sich deswegen keine Erwähnung im Buch.
      Liebe Grüße 🙂

      Reply

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